Scientology und Religion

Wenn man alleine bestimmten Medienberichten folgt, dann ist Scientology nichts weiter als eine „Sekte“, die – bestenfalls – auf einer „kruden Heilslehre“ beruht. Zum Beleg dafür, dass sich hinter dem Wort Scientology sonst nichts verbirgt, werden dann gerne einige wenige, zusammenhangslose Bruchstücke aus den Schriften L.Ron Hubbards zitiert, die darauf abzielen, dem Leser oder Zuschauer einen möglichst absurden Eindruck zu vermitteln.

Außenstehenden ist daher im Allgemeinen nicht bekannt, dass die Scientology ein umfassendes theoretisches und philosophisches Gedankengebäude darstellt, und dass die gedruckten Werke L. Ron Hubbards einen Umfang von über 10.000 Seiten haben; hinzu kommen noch Tausende auf Tonband aufgezeichnete Vorträge, deren Transskripte zusammen einen noch größeren Umfang aufweisen. Dieses Material ist alles andere als unzusammenhängend, sondern dokumentiert eine gut durchdachte Forschungsreise in die Tiefen des menschlichen Verstandes und Daseins und deren Ergebnisse und die praktischen Anwendungen, die sich daraus ergeben.

Es stellt sich daher die Frage, wie man die Scientology als Ganzes einordnen soll – ist sie eine Wissenschaft, eine Philosophie, eine Therapie oder eine Religion? Nicht wenige praktizierende Scientologen, die sich in ihrem Denken und Handeln nach den Erkenntnissen richten, die sie in und mit der Scientology für sich gewonnen haben, bestreiten, dass Scientology eine Religion ist. Für sie ist sie eine Denkweise, eine Philosophie oder eine Weltsicht.

Diese Haltung mag damit zusammenhängen, dass für viele der Begriff „Religion“ untrennbar mit der Vorstellung einer theistischen Lehre zusammenhängt, also einer, die einen Gott (oder, wie im Hinduismus, eine Mehrzahl von Göttern) als Schöpfer und Weltenlenker anerkennt. Auch mag eine persönliche Abneigung gegen die christliche Kirche, die ja in der westlichen Welt das Bild von Religion in der Gesellschaft prägt, dahinterstehen.

Tatsächlich würde aber kaum jemand daran zweifeln, dass etwa der Buddhismus in seinen verschiedenen Ausprägungen dem Begriff der Religion unterfällt, obwohl die Buddhisten nicht an einen Gott glauben. Daher stellt sich natürlich die berechtigte Frage, ob nicht auch die Scientology eine Religion ist, wenn man den Begriff objektiv fasst.

In der Tat impliziert schon die Herkunft des Wortes ‚Religion‘ keinen Glauben an einen Gott:

Laut dem englischsprachigen Wörterbuch von Webster stammt das Wort Religion aus dem Lateinischen „religare“ und wird gebildet aus der Silbe „re“ (wieder oder erneut) und „ligare“ (verbinden, vereinen); zusammen bedeutet es also „wieder verbinden“. In diesem Sinne wäre Religion ein Streben nach einer Verbindung mit etwas, das Vervollkommnung des eigenen Seins sein könnte.

Aber auch, wenn man die Geisteswissenschaften befragt, kommt man auf einen relativ weit gefassten Begriff von Religion. Im Brockhaus Lexikon von 2002 heißt es etwa: „Formal lässt sich Religion beschreiben als ein (Glaubens-)System, das in Lehre, Praxis und Gemeinschaftsformen die ‚letzten‘ (Sinn-)Fragen menschlicher Gesellschaft und Individuen aufgreift und zu beantworten versucht.“

Wenn wir nun diese Kriterien auf die Scientology beziehen, stellen wir fest, dass es in ihr in der Tat um Fragen nach dem „Sinn“ geht und nach dem, was ein Individuum eigentlich ausmacht. Und auch, wenn die Scientology den Anspruch erhebt, die meisten Teile ihrer Lehre wissenschaftlich und empirisch belegen zu können, so gibt es doch auch hier einige mehr oder weniger zentrale Aspekte, die man in den Bereich von persönlicher Offenbarung oder Glauben einordnen könnte. Zum Beispiel geht die Scientology, wie viele andere Religionen auch, davon aus, dass der Mensch seinem Wesen nach geistiger Natur ist und nach seinem Tode in einem neuen Körper reinkarniert.

Die Überzeugung der Scientology, dass der Mensch im Grunde gut ist und dass diejenigen Dinge, die ihn schlecht, unfähig oder unglücklich machen, Hinzufügungen sind, die er mit geeigneten Schritten (z.B. Auditing) überwinden oder entfernen kann, ist je nach persönlichem Geschmack und Erfahrung mit den Praktiken der Scientology als Glaubensmeinung oder als zweifelsfrei erweisbare Tatsache zu betrachten. Unbestreitbar jedoch dreht es sich dabei um Fragen, die sich um das Wesen des Menschen drehen, um das Woher und Wohin, und die auch die Suche nach dem Sinn des Lebens betreffen und teilweise beantworten. Mit anderen Worten, die Scientology übersteigt den Bereich einer bloßen Therapie oder eines Selbstverbesserungssystems. Sie bietet vielmehr einen spirituellen Weg und eine Sicht auf das Weltganze, genauso, wie viele andere Religionen auch.

Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Scientology-Kirche schon in einer ganzen Reihe von Ländern die formale Anerkennung als Religionsgemeinschaft erreicht hat, teilweise nach gerichtlichen Auseinandersetzungen, in denen auch die Natur der Scientology Untersuchungsgegenstand war (wie z.B. in einer Entscheidung des Italienischen Obersten Kassationsgerichts vom Oktober 2001, in der der religiöse Status von Scientology anerkannt wurde, und des 3. Senats des Amsterdamer Gerichts vom 25.1.2002, in der es hieß: „Eine objektive Untersuchung der Natur der Scientology-Religion zeigt klar, dass ihr die gleichen Rechte wie anderen religiösen Institutionen zugestanden werden muss.“) Auch ein im Jahr 2005 ergangenes Urteil des Deutschen Bundesverwaltungsgericht stellt die Zugehörigkeit des Einzelnen zur Scientology ausdrücklich unter den Schutz des Artikels 4 des Grundgesetzes; aus grundrechtlicher Sicht konnte es dabei jedoch dahinstehen, ob es sich bei Scientology um eine Religion oder eine Weltanschauung handelt. Denn sowohl nach dem deutschen Grundgesetz als auch nach der universellen Deklaration der Menschenrechte der Vereinten Nationen ist die Ausübung einer Religion in gleicher Weise vor staatlichen Eingriffen und Benachteiligungen geschützt wie das Praktizieren einer Weltanschauung.

L. Ron Hubbard, der Gründer der Scientology, sprach selber gerne von Scientology als einer „angewandten religiösen Philosophie“. Damit betonte er einerseits die der Scientology immanente Suche nach Weisheit und Erkenntnis, andererseit grenzte er sie aber gegenüber einer „Philosophie im Elfenbeinturm“ in der Hinsicht ab, dass die Anwendung der Erkenntnisse zur Verbesserung von Umständen für den Einzelnen und die Gesellschaft ein ganz zentrales Anliegen der Scientology ist. Schließlich unterstreicht die Nennung des Religiösen, dass es um spirituelle Fragen und das Streben nach dem Vollkommenen geht.

Es bleibe daher jedem unbenommen, wie er die Scientology für sich persönlich einordnet. Gewiss jedoch erfüllen die Lehre und die Praxis der Scientology die wesentlichen Kriterien einer Religion.